Sektion der Bundesrepublik Deutschland

Amnesty Journal Juni 2008

Spiele mit Grenzen

Trägt Sport zur Förderung der Menschenrechte bei? Die Geschichte des Sports zeigt, dass Frauen, Schwarze und Minderheiten bis heute für Gleichberechtigung kämpfen müssen. Von Martin Krauß

Ob der Sport helfen könne, die Menschenrechte zu befördern, wollte jüngst der Deutsche Bundestag wissen. Mit der Frage beschäftigten sich die Parlamentsausschüsse für Menschenrechte sowie für Sport. "Wirkungslos", sagte der zur Anhörung geladene Jurist, die Olympischen Spiele könnten in China von sich aus nichts ausrichten.

"Unerfüllbare Erwartungen", sagte die um eine Expertise gebetene Politologin, der Westen würde China mit seinen Ansprüchen bezüglich Menschenrechte bloß überfordern. Nur der Sportler, den der Bundestag vorlud, war der Meinung, dass "Sport ein gelebtes Menschenrecht" sei.

Zugegeben, der Gedanke, dass Sport nicht (nur) zur Durchsetzung von Menschenrechten taugt, sondern selbst ein Menschenrecht ist, klingt nicht spektakulär. Aber es überrascht doch, dass in allen Debatten, die über einen eventuellen Boykott der Olympischen Sommerspiele in Peking beziehungsweise über dortige Proteste geführt werden, der Sport selbst so neutral erscheint - wie ein bloßes Medium.

Dabei ist der bloße Umstand, dass Menschen das Recht haben, Sport zu treiben, keine Selbstverständlichkeit. Es musste in unserem Teil der Welt erst durchgesetzt werden, was auch hier bislang nicht vollständig gelang. In anderen Teilen der Welt steht die Durchsetzung dieses Rechts noch bevor oder muss das Recht auf Sport verteidigt werden.

So wurde Frauen bei uns erst im Jahr 1920 das Rückenschwimmen erlaubt - bis dahin galt es als unzüchtig. Bestimmte Sportarten wurden und werden ihnen bis heute vorenthalten: Das Schwimmen über 1.500 Meter Kraul gehört erst seit 2001 zum WM-Programm und bis heute nicht zum olympischen Programm der Frauen. In der Leichtathletik mussten Frauen bis in die jüngste Zeit darum kämpfen, endlich beim Stabhochsprung oder dem Hammerwurf mitkämpfen zu dürfen. Von der Skischanze springen Frauen legal erst seit wenigen Jahren, ähnliches gilt für Bobfahrererinnen oder Boxerinnen. Von den ungleichen Bedingungen bezüglich Förderung, Finanzierung und öffentlichem Ansehen, dem Frauen und Mädchen, die solche Sportarten ausüben, ausgesetzt sind, mal ganz abgesehen.

Diese hiesigen Zustände geraten schnell aus dem Blickfeld, wenn man über die viel schlimmeren Verbote von Frauensport in anderen, oft islamisch geprägten Ländern spricht.

Im Iran dürfen Frauen bis zum heutigen Tag nicht in Fußballstadien gehen, um sich dort ein Männerspiel anzuschauen. Sportarten, in denen Iranerinnen bei Olympischen Spielen antreten dürfen, sind solche, bei denen sie verschleiert antreten können: Schach, Schießen, Reiten, Kajak. Andere Sportarten finden für Frauen im Iran auch statt, aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Als die algerische Läuferin Hassiba Boulmerka 1991 Weltmeisterin und 1992 Olympiasiegerin wurde, mischte sich zum Stolz über die erste algerische Olympiasiegerin der Hass islamistischer Kräfte, dass Boulmerka zu freizügig angezogen sei: Sie musste, um weiter Sporterfolge zu erreichen, mit denen sich Algerien schmücken konnte, nach London umziehen, weil sie in ihrer Heimat nicht unangefeindet ihre Trainingsläufe absolvieren konnte.
Diese Beispiele zeigen, dass Sport zum Katalog der zu erkämpfenden Rechte gehört, ähnlich wie die Meinungsfreiheit, das Streikrecht, das Recht auf körperliche Unversehrtheit, ja, das Recht auf Leben.

Und es wird deutlich, dass die Entscheidung, wie, wo und in welchem Umfang Sport getrieben wird, nie nur beim sportwilligen Individuum liegt, sondern immer auch abhängig davon ist, wie viel Sport eine Gesellschaft erlaubt.

Schon ist man bei den Olympischen Spielen. Seit 1896 gibt es sie als eine Veranstaltung, die dem Weltsport einen Rahmen gibt und ihm alle vier Jahre ein Fest beschert.

In den aktuellen Debatten über die Olympischen Sommerspiele in Peking 2008 und die Winterspiele 2014 im russischen Sotschi wird oft von "dem Sport" gesprochen, und "der Sport" pflegt in diesen Debatten stets das Internationale Olympische Komitee (IOC) zu sein.

Das IOC organisiert die wichtigste Veranstaltung des Weltsports. Also profitiert es vom positiven Image des Sports und präsentiert sich gerne als Friedensbewegung, als humanitäre Bewegung, die durch die Universalisierung des Sports für die Durchsetzung der Menschenrechte sorgt. Dabei lässt sich das IOC auch bei besonders gutem Willen nicht als demokratisch strukturierte und kontrollierte Organisation beschreiben: Es rekrutiert sich aus sich selbst heraus, und seine Macht speist sich aus den Verwertungs- und Fernsehrechten an den Olympischen Spielen und allem was fünf bunte Ringe trägt. Diese Macht lässt das IOC als Wirtschaftskonzern erscheinen, dessen Geschäftspolitik bemerkenswert intransparent ist.

Entsprechend schwer fällt es, das wichtigste Produkt aus der IOC-Palette, die Olympischen Spiele, als ein den Frieden, die Demokratie und die Menschenrechte förderndes Spektakel zu beschreiben.

Olympische Spiele sind immer ein Politikum, doch sie sind es in einem (auch) anderen Sinne, als dieser zum Gemeinplatz geronnene Satz zumeist verwendet wird. Sie sind nämlich nicht nur dann ein Politikum, wenn sie, wie in diesem Sommer, in Peking stattfinden oder 1980 in Moskau oder 1936 in Berlin.

Die Olympischen Spiele sind vielmehr immer eine Art Kampffeld, auf dem um politische und symbolische Bedeutungen gestritten wird. Und sie sind immer - welthistorisch seit 1936, als sie zum ersten Mal als von einem Staat groß organisiertes und finanziertes Spektakel aufgezogen wurden - ein Großereignis mit politischen, ökonomischen und sozialen Folgen.

Um das zu belegen, kann man ganz einfach die Olympischen Sommerspiele der vergangenen 24 Jahre durchgehen, also alle, die nach den letzten großen Boykottspielen in Moskau stattfanden. Immer werden soziale und politische Menschenrechte nicht trotz, sondern wegen der Olympischen Spiele verletzt.

Vor den Olympischen Spielen 1984 im amerikanischen Los Angeles beispielsweise wurden tausende schwarzer junger Männer präventiv inhaftiert - damit von ihnen keine Gefahr für den olympischen Frieden ausgehe. 1988, als die Spiele im südkoreanischen Seoul stattfanden, gingen ihnen brutale Knüppeleinsätze gegen Studentendemonstrationen voraus; und für die Umgestaltung der Stadt wurden über 700.000 Menschen, zum Teil unter Gewaltandrohung, umgesiedelt. 1992, im spanischen Barcelona, wurden Roma aus der Stadt ausgewiesen, gegen Bettler und Prostituierte wurde mit Polizeigewalt vorgegangen. 1996 in Atlanta in den USA war es das Organisationskomitee der Spiele, das ein neues Stadtgefängnis baute, in das Kleinkriminelle, Drogensüchtige, Prostituierte und Bettler gesteckt wurden. Auch aus dem australischen Sydney im Jahr 2000 wird berichtet, dass tausende Menschen ihre Wohnungen verloren. Ähnliches passierte 2004 in Athen, wo die Polizei nicht nur massiv gegen Obdachlose, Kleinkriminelle und Prostituierte, sondern auch gegen Migranten vorging. Und bei den Bauarbeiten für die Wettkampfstätten kamen 13 Arbeiter um.

Man muss also noch nicht einmal auf das Jahr 1968 verweisen, als die mexikanische Polizei zehn Tage vor Eröffnung der Spiele in Mexiko City eine Studentendemonstration niederschoss und fast 500 Menschen zu Tode kamen, um zu zeigen, dass Olympische Spiele an sich kein Mittel sind, um per se die Welt besser zu machen.

Man muss nicht auf 1968 verweisen, aber man kann. Denn dort fand kein - wie immer, so auch im Fall Mexiko gut begründbarer - Olympiaboykott eines Landes statt, sondern es gab bis heute ikonografisch wirkende Athletenproteste. Sie richteten sich, was in heutigen Darstellungen gerne unterschlagen wird, nicht nur gegen den Rassismus in den USA, sondern die schwarzen US-Athleten forderten auch den Rücktritt des damaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage.

Ob der Sport die Menschenrechte befördert, war die Frage. Man kann sie nur dann positiv beantworten, wenn der Sport in sich demokratisch organisiert ist. Diesen Sport durchzusetzen, ist ein wichtiges Menschenrecht.

Der Autor ist Sportjournalist und Autor. Im April erschien das von ihm mit herausgegebene Buch "Wer macht den Sport kaputt? - Doping, Kontrolle und Menschenwürde" im Konkret Verlag.