In "Waltz with Bashir" versucht ein israelischer Soldat, sich an den Libanonkrieg und die Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Shatila nahe Beirut zu erinnern. Die Mittel des Dokumentarfilms sind ungewöhnlich.
Über eine gezeichnete Erzählung.
Von Jürgen Kiontke
Ich bin Filmemacher, kein Therapeut", lässt der Israeli Ari Folman sich selbst in seinem hochgelobten Film "Waltz with Bashir" sagen. Ein Film, der mit einer Bankrotterklärung beginnt. Denn schon zu Anfang gibt ein professioneller Bilderschöpfer zu: Ich kann keine Bilder einer privaten Erinnerung erfinden.
Dies aber ist der Grund, warum ihn sein Freund Boaz, ein ehemaliger israelischer Soldat, aufgesucht hat: Ari soll die Vergangenheit auffinden, indem er sie ausmalt. Denn sie existiert nur bruchstückhaft in Boaz' Gehirn: Da ist etwas mit 26 Hunden, die ihn alptraumhaft verfolgen. Es muss etwas mit dem Libanonkrieg Anfang der achtziger Jahre zu tun haben, so viel ist sicher. Weil das Rätsel nicht zu lösen ist, beginnt auch beim Filmemacher die therapeutische Arbeit - an sich selbst. Denn auch er fragt sich, wo er in dieser Zeit gesteckt hat - war nicht auch er in der Armee?
Dass Erinnerungen meist verschwommen sind, die inneren Bilder irgendwie unscharf und dunkel - diese Überlegung mag dazu geführt haben, dass Ari Folmans "Waltz with Bashir" der erste gezeichnete Dokumentarfilm der Welt ist. Dies macht es nur logisch, dass der Film sein bildgebendes Verfahren auch thematisiert: Erinnerung, das ist eine Konstruktion.
Als Beleg erwähnen die Figuren schon zu Beginn eine Studie, in der man Menschen Fotos vorgelegt hat, die angebliche Szenen ihrer Kindheit zeigten. Sie waren jedoch gefälscht, die realen Personen nur einkopiert. Trotzdem sagten 80 Prozent der Betrachter, sie hätten die Bilder als Szenen ihrer Kindheit wiedererkannt. 20 Prozent sagten, sie könnten sich nicht erinnern.
Unter diesen Prämissen arbeitet dieser Film, dessen Inhalt die Erinnerung und dessen Methode die des "real fiction manga" ist: "Waltz with Bashir" zeigt den Einsatz israelischer Soldaten vor, während und nach den Massakern christlicher Milizen in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Shatila nahe Beirut, in deren Verlauf Tausende Menschen getötet wurden. Die israelische Armeeführung wurde zwar nicht selbst aktiv, wusste aber Bescheid und ließ den Ereignissen ihren Lauf. Verteidigungsminister Ariel Sharon musste deswegen später zurücktreten.
Sukzessive enthüllt sich den Erzählerfiguren ihre eigene Vergangenheit, die Filmtherapie macht Fortschritte: Die 26 Hunde hat es wirklich gegeben. Der, der nachts von ihnen träumt, hat sie erschossen. Weil der junge Soldat nicht auf Menschen zielen mochte, gaben ihm die Vorgesetzten eben etwas anderes.
Von den Berichten seines Freundes aufgeschreckt, macht sich auch Ari auf in die Vergangenheit; er "reanimiert" sie mit den Mitteln des Animationsfilms - mit der ganzen Trickkiste: gezeichnete Bilder, 3D-Animationen, colorierte Echtbild-Sequenzen. Er sucht alte Weggefährten auf, um mit ihrer Hilfe die Lücke in seinem Gedächtnis zu schließen. Undeutliches wird deutlich.
Ein gezeichneter Dokumentarfilm, das ist auch die logische Folge des nun zehn Jahre dauernden Siegeszuges der Grafic Novel, an dessen Anfang die Frage stand: Kann man ernste Dinge mit einer so unernsten Methode wie dem Comic schildern? Die Rede war von "Maus", dem Comic von Art Spiegelman, der den Holocaust als Geschichte von Katzen schildert, die Mäuse verfolgen - mittlerweile gibt es dies selbst als PC-Spiel.
War das "erlaubt"? Zugrunde lag der Debatte die Annahme, dass ein irgendwie jugendliches, mit neuen Sehgewohnheiten aufgewachsenes Publikum anzusprechen ist. Ihm wurde unterstellt, reale Ereignisse in herkömmlichen Kunstformen offensichtlich nicht mehr nachvollziehen zu können. Dagegen stand durchaus konservativ die Behauptung, ein Comic über Massenmorde entwerte die Tragik des Ereignisses.
Auch "Waltz with Bashir" zehrt von dieser Spannung - ja, stellt dem Publikum diese Frage: Ist diese Art des Bildes auch ernst genug, um Massaker und Kriege zu schildern?
Wie zwangsläufig landen die Protagonisten dabei im Konzentrationslager von Auschwitz. Weil sie sich fragen müssen, ob ihre Erinnerungen an den Libanon im Jahre 1982 nicht durch die kollektive Bildererzählung der Judenvernichtung überschrieben wird. Parallelen werden gezogen zwischen der Räumung des Warschauer Ghettos und den Vorfällen in Beirut, Parallelen zwischen den Juden im KZ und den Palästinensern im Lager.
Die Frage nach Verantwortung wird gestellt, und sie wird für Zündstoff sorgen: Die israelische Armee sorgt im Film per Leuchtraketen für gute Beleuchtung, während die christlichen Milizen ihrem Mordhandwerk nachgehen. Und weil außerhalb der Lagermauern die Sorglosigkeit der Jugend in Uniform tobt - der Film zitiert ausgiebig Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now": Am Meer surfen die jungen Soldaten über die Wellen, während ein paar Meter weiter der Krieg tobt. Und der titelgebende Walzer mit dem libanesischen Politiker Bashir Gemayel, dessen Tod im September 1982 das Massaker auslöste, sieht so aus: Ein israelischer Soldat läuft während eines Gefechtes zwischen die Linien, tänzelt im Dreivierteltakt und ballert dazu rhythmisch mit seinem Maschinengewehr in die Balkone der Hochhäuser, an denen das riesenhafte Konterfei Gemayels prangt.
Vor komischen Szenen, zumal für den deutschen Betrachter, macht der Film ebenfalls nicht Halt: Brisante Informationen für die israelische Armeeführung werden verschlüsselt per Hardcore-Pornofilm im bayerischen Dialekt übermittelt. Wenn in diesem Film im Film der Zuhälter in einem roten Benz vorfährt, wissen die Soldaten, wie das reale Auto am Grenzpunkt aussieht, dass sie in die Luft sprengen werden: Die Terroristen kommen im roten deutschen Auto.
Hier ist "Waltz with Bashir" nicht Dokumentar-, sondern Zitate-Spielfilm. Es gehe um Träume, Halluzinationen und das eigene Innenleben, sagt Folman, und diese Dinge ließen sich eben besonders gut zeichnen.
Durchgehalten hat er dies nicht. Oder doch? Der zeichenhaften Kunstfertigkeit seines Films fehlt eigentlich nur ein Bildtyp: das reale Foto. Das hebt sich Folman bis zum Schluss auf: Damit keiner vergisst, dass es sich beim Massenmord um ein echtes Ereignis handelt, endet der Animationsfilm eine Minute vor Ende. Dann sieht man Archivsequenzen vom Tag nach dem Massaker.
Zeichen sind gut, sagt uns Folman, Bilder sind besser. Erinnerungen muss man vielleicht erfinden, die Wirklichkeit nicht.
"Waltz with Bashir". Regie: Ari Folman. Israel 2007.
Kinostart: 6. November 2008
Der Autor ist Filmkritiker und lebt in Berlin.