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Appelle gegen Geschlechtsverstümmelung
Zwei neue Bücher von afrikanischen Frauen im Exil beschäftigen sich mit Geschlechtsverstümmelung. Die Geschichte von Fauziya Kassindja ging durch die internationalen Medien. Die junge Togoerin hat in den USA Asyl beantragt, weil ihr in der Heimat die Genitalverstümmelung drohte. Jetzt berichtet sie in ihrem Buch, was ihr alles widerfuhr, bis ihre Fluchtgründe endlich anerkannt wurden.
Ihr Schicksal im Zeitraffer: Nach dem Tod ihres Vaters soll die noch Minderjährige zur Heirat mit einem älteren Mann gezwungen werden, der darauf besteht, daß sie sich beschneiden läßt. Deshalb flieht sie über Deutschland in die USA: Dort hat ihre unmittelbar am Flughafen vorgetragene Bitte um Asyl zur Folge, daß sie erst einmal ins Gefängnis kommt. Fast zwei Jahre lang ist sie demütigenden Haftbedingungen ausgesetzt und wird ihrer Rechte und ihrer Würde beraubt. Nur ihr muslimischer Glaube bestärkt sie, die Hoffnung auf Gerechtigkeit nicht aufzugeben.
Als nach über einem Jahr ihr Asylgesuch abgelehnt wird, ist Fauziya Kassindja mit ihrer physischen und psychischen Kraft am Ende. Sie beantragt die Rückführung nach Togo.
Zu dieser Zeit nimmt Layli Miller Bashir mit ihr Kontakt auf. Die angehende Juristin schafft es, Experten zu gewinnen, so daß die Wiederaufnahme des Verfahrens erreicht wird. Auch die Frauenrechtsorganisation "Equality Now" sowie Journalistinnen und Politikerinnen werden aufmerksam, unterstützen sie in ihrem Kampf. Schließlich erhält die Togoerin in den USA Asyl. Damit erkennt eine amerikanisches Gericht erstmals Angst vor nichtstaatlicher frauenspezifischer Verfolgung als Fluchtgrund für die Gewährung von Asyl an. Ein Buch, das zeigt, wie wichtig Solidarität und Engagement sind.
Die Autorin des zweiten Buches, die Somalierin Waris Dirie hat sich längst einen Namen gemacht - als Topmodel der Modewelt, aber auch als Sonderbotschafterin der UNO im Kampf gegen die Genitalverstümmelung. Jetzt hat sie in einem Buch ihre Lebensgeschichte veröffentlicht. In ihren Schilderungen spiegeln sich sowohl die Verbundenheit mit Afrika als auch die Erlebnisse in einer von den sogenannten modernen Errungenschaften geprägten Zivilisation wider.
Schon als Fünfjährige wird sie dem grausamen Ritual der Genitalverstümmelung unterworfen. Noch begreift sie nicht, was ihr angetan wird, nur die Erinnerung an die Tortur, die langjährigen Schmerzen, von denen sie erst sehr viel später durch einen medizinischen Eingriff befreit wird, bleiben zurück . Erst als Erwachsene begreift sie die Bedeutung des Verlustes ihrer sexuellen Empfindungsfähigkeit, als sie mit einem Mann zusammenleben und Kinder haben möchte.
Das Nomadendasein in Somalia findet ein jähes Ende, als der Vater die Minderjährige gegen ihren Willen mit einem alten Mann verheiraten will. Um sich dem zu widersetzen, ergreift die 14jährige die Flucht. Sie lebt als Migrantin, zuerst im Londoner Haus des Repräsentanten ihres Landes, wo sie wie eine Sklavin behandelt wird, dann allein und am Rande der Legalität. Der Weg zur Karriere als Topmodel ist steinig.
Mit ihrem Engagement gegen die Genitalverstümmelung will Waris Dirie dazu beitragen, daß anderen Mädchen nicht das widerfährt, was ihr geschehen ist. Insofern ist "Wüstenblume" ein ermutigendes Buch.
Susanne Reichinger
Fauziya Kassindja. Niemand sieht
dich, wenn du weinst. Karl Blessing Verlag, München, 507 Seiten, DM 44,90
Waris Dirie. Wüstenblume. Schneekluth-Verlag, München, 347 Seiten, DM 39,80.
Asyl nach Vergewaltigung?
Die frauenspezifische Verfolgung als Asylgrund wird in Deutschland seit den Vergewaltigungen im Krieg in Bosnien-Herzegowina immer wieder diskutiert. Barbara Laubenthal hat anhand zahlreicher Länderbeispiele (und mit vielen Quellenangaben) fundiert analysiert, wie umfassend das Problem ist und warum vergewaltigte Frauen nach der Flucht fast nie Asyl erhalten. In Deutschland wird durch die enge Interpretation des Begriffs der "politischen Verfolgung" betroffenen Frauen fast keine Möglichkeit gegeben, umfassenden Schutz zu bekommen. In ihrem Fazit fordert Laubenthal nicht nur einen Asylstatus für verfolgte und vergewaltigte Frauen, sondern generell einen verbesserten Schutz für Flüchtlinge. Hier ist die neue Bundesregierung gefordert, ersten verbalen Ankündigungen auch Taten folgen zu lassen.
LW
Barbara Laubenthal: Vergewaltigung von Frauen als Asylgrund - Die gegenwärtige Praxis in Deutschland. Campus Verlag, Frankfurt/New York, 116 Seiten. DM 29.
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